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Berge, Wälder und Gorillas. – Die Virungas
Berge, Wälder und Gorillas. – Die Virungas
Im tiefsten Afrika, im Grenzgebiet Ruanda-Uganda-Kongo, liegen die Virunga-Vulkane. Ihr Name klingt schon wild-exotisch, und so ist es dort auch
Geschrieben von OutofSaigon
25.02.2017
Standard Berge, Wälder und Gorillas. – Die Virungas

Im tiefsten Afrika, im Grenzgebiet Ruanda-Uganda-Kongo, liegen die Virunga-Vulkane. Sie bilden eine Bergkette, an deren östlichem Ende, im Mgahinga-Nationalpark, Berggorillas leben. Ich hatte das Glück, jene Region besuchen zu können, als mir meine berufliche Arbeit in Afrika eine Woche Zeit dafür ließ. Ich hatte schon darauf spekuliert, daß sich diese Situation (hoffentlich) wieder einmal ergeben könnte – das war ja bereits bei meinen Touren 2013, 2014 und 2016 so gewesen – und ich hatte nicht nur meine Wanderklamotten im Koffer, sondern auch ein paar Optionen im Kopf. Mitte Januar 2017 schälte es sich heraus: er wird klappen! Und so raste ich Anfang Februar praktisch vom Schreibtisch weg los...


„Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft in Ruanda“ – das klingt doch irgendwie vertraut; das ist doch ...ähh... dingsbums... ach ja: der Titel des ersten Satzes von Beethoven´s sechster Symphonie, irgendwie so ähnlich jedenfalls... Rund zwei Stunden hatte der Flug von Dar es Salaam hierher gedauert, und nun war ich also da. Schnell die 30 Dollar für ein Transit-Visum bezahlt, den Rucksack vom Gepäckband geschnappt, und raus aus dem Gebäude! Wo ist denn hier der Fahrer, der mich abholen soll? Ach, da drüben! „Hello! Welcome to Rwanda! My name is Michael“ – „Hello! Thank you so much! My name is Gottfried“. Genug geschwätzt, rein ins Auto und los!

Wenn wir Älteren den Namen „Ruanda“ hören, gruselt es uns ein bißchen. Der schreckliche Völkermord von 1994, ein Überkochen des seit Jahrzehnten gärenden Konflikts zwischen zwei Volksgruppen, das rund zwei Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Nun ja, das ist mittlerweile 23 Jahre her. 23 Jahre erscheinen einem älteren Herrn vielleicht nicht so viel, aber es ist so lange wie zwischen der schlimmsten Zeit der Nazi-Diktatur und meinen friedlichen Jugendjahren. Der Völkermord von Ruanda ist nun Geschichte, so wie der Zweite Weltkrieg in den Sechzigerjahren schon zur Geschichte geworden war: natürlich nicht völlig vergessen, aber eben auch nicht mehr wirklich relevant im täglichen Leben. Und man bemerkt schon rein gar nichts mehr davon, wenn man, so wie ich, ohnehin nur ein paar Stunden auf der Durchreise ist.

Nur ein paar Stunden auf der Durchreise? Jawohl! Es klingt vielleicht merkwürdig, aber es ist so: den äußersten Südwesten von Uganda erreicht man wesentlich leichter über Kigali, die Hauptstadt von Ruanda, als über Kampala, die Hauptstadt von Uganda. Deswegen also war ich nach Kigali geflogen und nicht nach Kampala (obendrein gibt es nach Kigali einen Direktflug von Dar es Salaam, aber wer nach Kampala will, muß in Nairobi umsteigen).

Und während ich euch das alles erzähle, ist unser Auto schon auf dem Weg nach Ruhengeri, der zweitgrößten Stadt Ruandas, die inzwischen den offiziellen Namen Musanze trägt (was sich aber noch nicht bis zu Google Maps herumgesprochen hat). „Mittagspause schenken wir uns“, hatte ich meiner Agentur geschrieben, „laßt mir ein Sandwich und eine Wasserflasche ins Auto legen, das genügt; denn ich will noch am selben Tag bis nach Kisoro in Uganda gebracht werden“.

Das Auto rollt dahin, und ich schaue aus dem Fenster. Rund um Kigali sind eine Menge Fahrräder auf der Landstraße unterwegs; viele davon sind „Fahrrad-Taxis“ für Kurzstrecken, mit einem Sitzkissen auf dem (selbstverständlich verstärkten) Gepäckträger. Auf einmal sehe ich auf dem T-shirt so eines Fahrrad-Taxi-Fahrers „Gartencenter“ geschrieben, kurz danach auf einem anderen T-shirt „Gerüstbau“. Auf welchem Wege diese Dinger wohl nach Ruanda gekommen sind? Ich staune nur.

Da kommt mir auf einmal zu Bewußtsein: Mensch, das ist mein erster Besuch im frankophonen Afrika seit 43 Jahren, seit jener abenteuerlichen Tour 1974 nach Marokko (ein Bericht davon folgt noch, wartet nur!). Kaum zu glauben!

Es dauert aber gar nicht lange, da verlasse ich das frankophone Afrika schon wieder und erreiche die Grenze von Uganda, welches zum anglophonen Afrika zählt, wie ihr natürlich alle wißt. Neues Visum, neue Gebühr, zwar nach ziemlich langem Schlangestehen, aber ansonsten keine große Sache. Ab hier fährt Michael auf der linken Straßenseite, entsprechend der Tatsache, daß Uganda ja einmal britisches Kolonialgebiet war (und nicht belgisches wie Ruanda).

Die Sonne sinkt, wir erreichen das Städtchen Kisoro, knapp zehn Kilometer hinter der Grenze. Hier habe ich eigentlich keine Agenda, ich will hier nur in einer Lodge übernachten, genauer gesagt: ich MUSS hier in einer Lodge übernachten, denn das Amajambere Community Camp, in das ich eigentlich wollte, ist an diesem Tag leider ausgebucht. Naja, macht nichts. Meinem Fahrer schärfe ich noch ein, daß wir morgen in aller Frühe weiter wollen. Ich habe wenig Zeit für diese ganze Tour, und ich will aus jedem einzelnen Tag das Beste machen. „Das Beste“ an einem Urlaub ist für manche vielleicht, bis zehn Uhr zu schlafen und dann ganz gemächlich im Bett zu frühstücken. Ich habe da allerdings etwas andere Vorstellungen... Vor dem Abendessen aber, zur Feier des Tages, erst einmal ein geruhsames Bierchen am Fuße des Muhavura, des östlichsten der Virunga-Vulkane:



Rin in die Kartoffeln und rauf auf den Berg!

Ganz früh am folgenden Morgen, fast zwei Stunden vor Sonnenaufgang, fahren wir wieder los. Rund 15 Kilometer sind es von Kisoro bis zu besagtem Amajambere Community Camp am Rande des Mgahinga-Nationalparks, aber es ist nur eine Erdstraße in schlechtem Zustand, und so beginnt schon die Morgendämmerung, als wir dort ankommen. 2350m über dem Meer sind wir hier bereits.

Dieser Tag soll mein erster Wandertag sein; ich habe also keine Zeit zu verlieren. Ich lasse den größeren meiner beiden Rucksäcke – mein Hauptgepäck, wenn ihr so wollt – an der Rezeption, schmeiße mich nur ganz schnell in Wanderkluft, dann gehen wir zum Visitor Centre des Nationalparks. Die Leute dort wissen schon Bescheid, denn meine Agentur hatte meinen Besuch natürlich vorher angemeldet. So dauert es auch nicht lange, bis mir ein Guide und ein Ranger zugeteilt werden. Als erstes will ich auf den Mount Gahinga, den kleinsten der drei Virunga-Berge, die von Uganda aus zugänglich sind. Da an diesem Tag kein anderer Wanderer diese Tour machen will, bin ich also mit meinen beiden einheimischen Begleitern allein.

Zunächst geht es durch einen Bereich, der bis in die Achtzigerjahre Kulturland war, aber nun zum Nationalpark gehört, demzufolge nicht mehr beackert wird und langsam wieder mit Buschwerk zuwächst. Vor unseren Augen liegt das Tagesziel, der Mount Gahinga: ein erloschener Vulkan von etwas über 3400m Höhe. Rund 1100m Aufstieg also.


Im Jahr 1991, als dieser Bereich zum Nationalpark erklärt wurde, hat man die Dorfbewohner ... äh, ja, hmm... umgesiedelt? Oder einfach nur vertrieben? Ich bin da nicht so sicher, und wir alle sollten uns nichts in die Tasche lügen: die Ausweisung vieler der schönen Nationalparks in Afrika ist nicht ohne erhebliches menschliches Leid zustande gekommen.

Eine gute Stunde habe ich Zeit, darüber zu sinnieren, denn so lange wandern wir durch dieses Buschland. Auf dem Weg liegt eine Unmenge von Büffelfladen – von wilden Büffeln, wohlgemerkt! Diese Büffel können durchaus auch einmal schlechte Laune haben (davon sprachen wir schon an anderer Stelle), und aus diesem Grund begleitet uns ein bewaffneter Ranger. Dreißig Schuß Munition hätte er im Magazin, so sagt er mir auf meine Frage; wie sicher er aber wirklich ist im Umgang mit seiner Knarre, frage ich lieber gar nicht erst.

Nach einer guten Stunde Wanderns erreichen wir, ziemlich plötzlich, den Bambuswald. Der ist wohl hier natürliche Vegetation. In diesem Bambuswald ist es auf einmal erstens unheimlich duster, so duster, daß ich das folgende Foto glatt verwackelt habe, weil ich nicht auf die lange Belichtungszeit geachtet hatte:


Zweitens ist es in diesem Bambuswald unheimlich still. Das vielfältige Vogelgezwitscher, das wir im ehemaligen Kulturland gehört hatten, ist plötzlich weg. In unseren Zeiten redet man so viel davon, daß der Mensch die ökologische Vielfalt zerstöre, und das ist natürlich nicht ganz falsch. Zu leicht vergißt man dabei aber, daß der Mensch durch das Schaffen der Kulturlandschaft mitunter eine ökologische Vielfalt hervorgebracht hat, die unter den ursprünglichen natürlichen Bedingungen gar nicht da gewesen war. Das gilt für Mitteleuropa ebenso.

Abermals habe ich eine gute Stunde Zeit, über solche Dinge nachzudenken, dann wird es wiederum anders: das Gelände wird steiler, in größerer Höhe angekommen sind wir mittlerweile natürlich auch, der eintönige Bambuswald reißt auf, und auf einmal haben wir einen relativ freien Blick auf den weiter westlich gelegenen Mount Sabinyo:

Der gehört auch zu meinen Wanderzielen für diese Woche, und davon wird noch die Rede sein.

Nun haben wir den Fuß des eigentlichen Vulkankegels erreicht, und nun wird der Weg so steil, daß man ihn abschnittsweise kaum noch begehen könnte, wenn da nicht so treppenartige Leitern bzw. leiter-artige Treppen wären:

Da diese Konstruktionen nur aus krummen Knüppeln zusammengenagelt sind und keine der „Stufen“ auch nur annähernd eben ist, erfordert es einiges Balancier-Geschick, darauf hinauf zu laufen. Gewöhnungsbedürftig aber machbar.

Weiter geht es durch eine Art von Niederwald:


Hier komme ich langsam ziemlich ins Schnaufen, was aber auch kein Wunder ist. Noch gestern vormittag war ich in Dar es Salaam auf Meereshöhe gewesen, und jetzt, nur 24 Stunden später, bin ich mehr als 3000m höher. Da kommt man eben ins Japsen, keine Frage, und die Zunge hängt etwas länger heraus als gewöhnlich. Macht aber nix, renkt sich alles wieder ein...

Und dann, ganz plötzlich, haben wir den Kraterrand erreicht. Zeit für eine Rast.


Unser Rastplatz ist nicht der höchste Punkt des Kraterrandes, aber mein Guide sagt mir, daß man vom höchsten Punkt sowieso keine Aussicht hat, denn er ist ganz überwachsen. Und weil ich kein fanatischer Formalist bin, schenke ich mir demzufolge den Weiterweg dorthin. Stattdessen schaue ich mir den ehemaligen Vulkankrater an; sein Boden ist zwischenzeitlich zu einem Sumpf geworden:

Der gegenüberliegende Kraterrand ist bereits wieder ruandisches Territorium, und die Landesgrenze läuft mitten durch den Krater.

Interessant auch zu sehen, daß sich auf dem sumpfigen Kraterboden gewisse Grasinseln gebildet haben ...

... und daß der „Uferbewuchs“ durchgehend von Senocien gebildet wird, wohingegen weiter oben am Hang andere Baumarten wachsen:


Wir genießen eine ganze Weile lang den Sonnenschein, die angenehme Temperatur, die frische Luft. Bevor wir wieder absteigen mache ich noch ein Erinnerungsfoto von Anthony, dem Guide (mit dem Walkie-Talkie), und Edison, dem Ranger:


Dann geht es wieder zurück: durch den Niederwald, die Treppenleitern hinunter, und durch den Bambuswald, dem ich sogar einen gewissen grafischen Reiz abgewinnen kann:


Wieder im ehemaligen Kulturland angekommen, finde ich auf dem Weg den schönsten Büffelfladen, den ich jemals gesehen habe:

So wunderbar gleichmäßig rund – da hat sich der Büffel aber echt Mühe gegeben
Hoffentlich kommt jetzt keiner von euch auf den Gedanken, zu sagen, daß ihn dieses Bild an die Nationalflagge eines asiatischen Landes erinnert, denn das wäre eine schlimme Beleidigung; es ist eben einfach nur ein runder Büffelfladen. Punktum.


Zu unseren großen Vettern

Das sogenannte „Gorilla Tracking“ ist eine der Hauptattraktionen des Mgahinga-Nationalparks. Damit wirbt er um Besucher. Mit den Menschenaffen wirbt sogar ganz Uganda um Besucher, wie ihr schon aus dem Visum-Aufkleber erkennen könnt:


Natürlich habe ich diese Attraktion nicht ausgelassen. Empfohlen, sogar brühwarm empfohlen, hatte sie mir ein Kollege, ein ganz pragmatischer Engländer, der nicht zu Spinnereien neigt. „Das mußt du unbedingt machen“ hatte er mir gesagt „es ist zwar sauteuer, aber der Eindruck ist unvergleichlich“. Na, wenn der das schon sagt...

Also finde ich mich am nächsten Morgen wieder beim Besucherzentrum ein. Dieses Mal besteht die Gruppe aus rund acht Personen. Hmmm. So viele hätten es meinetwegen nicht sein müssen, aber so ist es eben. Wir wandern – es regnet ein wenig – zunächst wieder durch das aufgelassene Ackerland, dann geht es hinein in einen niedrigen Wald. Ich bleibe stehen und lasse die ganze Gruppe passieren, vor allem weil eine direkt hinter mir gehende und pausenlos schnatternde Japanerin mir auf den Senkel geht. Jetzt bin ich mehr oder minder allein mit dem zweiten Ranger, der den Schlußmann der Gruppe macht.

Unser Führer hält über sein Walkie-Talkie Kontakt mit den sogenannten „Trackern“ also einer Voraustruppe von Rangern, die jeden Morgen erst einmal die Gorillas aufspürt. Und nach etwa zwei Stunden Marsch sagt dann unser Führer auf einmal „Pssst! – wir sind da.“

Tja, und dann sehen wir sie: als erstes – irgendwie bizarr, das kann ich nicht anders sagen – erblicken wir ein Männchen, das einfach nur so auf dem Boden sitzt, an einen Baum gelehnt, bewegungslos. Hin und wieder blinzelt es zu uns hinüber, aber ansonsten sitzt es einfach nur so da, den Kopf gesenkt. Ich fühle mich erinnert an Rodin´s berühmte Skulptur „Der Denker“ und sinniere, woran der Gorilla wohl denken mag, ob er überhaupt etwas denkt. „200 bis 250 Kilo schwer kann ein erwachsenes Gorilla-Männchen sein“ erfahren wir, und ich überlege, daß MännCHEN für so einen Kerl vielleicht nicht die treffende Bezeichnung ist.

„Diese Gruppe besteht aus zehn Individuen“ wird uns erklärt. „Drei von ihnen sind erwachsene Männchen, etwa 24, 28 und 32 Jahre alt; der 28-Jährige ist das derzeit dominierende Tier, hat den älteren Rivalen vor einiger Zeit aus dieser Position gedrängt. Dann sind hier noch einige Weibchen und Jungtiere verschiedenen Alters. Sie ziehen in diesem Nationalpark umher, wandern hin und wieder auch hinüber in den Kongo, und treffen gelegentlich auf andere Gruppen, von denen sie Weibchen zu entführen versuchen“. Aha, der Raub der Sabinerinnen hatte also seine Vorläufer! :grins:

Nun wird allerdings nicht viel geredet, wir betrachten unsere großen Vettern ziemlich still und definitiv mit Respekt.














Eine Stunde dürfen wir bei den Gorillas verbringen, mehr nicht, dann müssen wir sie wieder in Ruhe lassen; sie werden sonst zu sehr gestresst. Während des Rückmarsches haben wir Zeit, das Erlebte zu verdauen. Es ist in der Tat irgendwie ergreifend, diese wunderbaren Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu können, dazu noch aus so geringer Entfernung. Es sind Berggorillas, also eine Spezies, von der weltweit insgesamt nur noch etwa 800 Individuen in freier Wildbahn leben. Diese hier haben noch irgendwie Glück, denn sie können sich durch ein relativ großes Waldgebiet bewegen und auf andere Gruppen treffen, zwecks genetischer Auffrischung. Schlimm dran sind die wenigen Berggorillas im nahegelegen Mbwindi-Nationalpark: die sind seit Jahrzehnten von allen anderen Gruppen abgeschnitten und sind demzufolge durch ständige Inzucht der schleichenden genetischen Degeneration geweiht, die früher oder später zu ihrem unaufhaltsamen Untergang führen wird, führen muß. Schon bedrückend, wenn man sich das so überlegt...


Zu unseren kleinen Vettern

Außer den Gorillas leben in diesem Nationalpark noch die Goldmeerkatzen (Golden Monkeys), ebenfalls eine vom Aussterben bedrohte Art. Die findet man im Bambuswald, also in höheren Lagen als die Gorillas. Auch dorthin gehen wir mit einer größeren Gruppe, rund ein Dutzend Gäste. Der Anmarsch ist irgendwie langweilig, der Rückmarsch auch, aber diese Affen zu beobachten, ist natürlich sehr unterhaltsam; denn sie turnen unaufhörlich herum – das tun Affen nicht nur im Zoo. Wir haben Glück: sie halten sich im Moment weniger im dusteren Bambuswald auf, sondern auf einer vergleichweise gut beleuchteten Lichtung, die durch das Umfallen eines großen alten Baumes entstanden ist. So genieße ich es in erster Linie, die Tiere durchs Fernglas zu beobachten, und mache nicht viele Fotos.


Auf dem Rückweg sehe ich noch einige Pflanzen, die von den Rangern als „Red Hot Poker“ bezeichnet werden, obwohl sie ganz anders aussehen als die Pflanzen gleichen Namens, die ich auf dem Elgon und auf dem Meru vorgefunden hatte (siehe Fotos in den dortigen Berichten). Was auch immer, sie sind schön:


Am Nachmittag hänge ich nur so in der Lodge herum – es gibt ja weiter nichts zu tun – als auf einmal ein Angestellter einen abgebrochenen Zweig herbeiträgt, komplett mit dem darauf sitzenden Chamäleon:


Schönes Tier, nicht wahr? Mit seinen drei Hörnern so etwas wie ein Drache im Hoschentaschen-Format

Und so hatte auch dieser Tag – wohlgemerkt: ein Urlaubstag für einen leicht gestressten Weltbank-Berater – wieder gebracht, was ich mir erhofft hatte.


Save the best for last – Mount Sabinyo

Man wäre wohl nicht wirklich in den ugandischen Virungas gewesen, wenn man nicht auf den Sabinyo gegangen wäre. Er ist zwar nur der zweithöchste der drei Vulkane, die von Uganda aus zugänglich sind, aber gilt als der schönste und spektakulärste. So stellt er sich im Morgenlicht dar:

Man bestiegt ihn von Nordosten her (im Foto von links) und erklimmt nacheinander Peak I, Peak II und Peak III, wobei letzterer nicht nur der höchste Gipfel ist, sondern auch das Dreiländereck Uganda-Ruanda-Kongo markiert.

Heute bin ich wieder der einzige Wandergast auf meiner Route, allerdings sind heute zwei Ranger dabei. Außerdem habe ich einen Träger angeheuert. Ihr müsst wissen: jeden Morgen versammeln sich ein paar Männer aus dem Dorf am Visitor Centre, in der Hoffnung, daß sie vielleicht Glück haben und sich ein paar Schillinge verdienen können. Diese Chance gebe ich auch gerne jemandem, der sie so dringend benötigt.


Zunächst geht es eine halbe Stunde durch Bambusbestand. Dann folgt ein ziemlich sumpfiges Gelände. Allerdings haben die Ugander diesen schönen „Plank walk“ angelegt, damit die Gäste auch ja bequem auf die andere Seite kommen.


Und was haben wir hier auf einmal für komische Löcher im Boden?

Es sind die Fußstapfen eines Elefanten. „Zweng dem G´wicht“ ist er ordentlich eingesunken. „Die Elefanten mögen dieses Sumpfgebiet; oft kommen sie aus dem Kongo herüber, um es zu genießen“ erklärt mir der Guide (es ist übrigens wieder Anthony, der mich schon auf den Gahinga geführt hatte).

Langsam lassen wir den Sumpf hinter uns und erreichen wieder etwas festeren Boden...




... und dann – etwa auf der gleichen Höhe wie drei Tage vorher am Gahinga – wiederum Bambuswald:


Ab hier wird das Gelände auch zunehmend steiler, und wir gewinnen endlich an Höhe. Mitten in dem Bambuswald zweigt auf einmal ein tief ausgetretener Pfad nach rechts ab. „Das ist der Elefantenpfad in den Kongo“ sagt Anthony, „hier gehen sie immer hin und her, durch den Wald an der Nordflanke des Sabinyo hinüber in den Nationalpark auf der kongolesischen Seite“. Stumm schaue ich mir das an und denke daran, wie ich als kleiner Bub von Afrika geträumt habe. Lang ist´s her...

In der Befürchtung, daß die Gipfel des Sabinyo gegen Mittag zunehmend wolkenverhangen sein werden, marschieren wir flott dahin, und ich nehme mir nicht die Zeit, viele Fotos zu machen. Diesen Ausblick allerdings will ich euch nicht vorenthalten:

Während der Vordergrund des Fotos noch zu Uganda gehört, sind der Mittel- und Hintergrund schon Territorium des östlichen Kongo.

Der Weg wird immer steiler und anstrengender, aber ich bin mittlerweile etwas besser akklimatisiert als bei der Besteigung des Gahinga, und so kommen wir ganz gut voran. Gut drei Stunden nach dem Abmarsch haben wir dann Peak I erreicht:

Peak II ist deutlich zu sehen, dahinter gerade noch Peak III, schon etwas im Nebel. Der Grat dorthin bildet die Grenze zwischen Uganda (rechts) und Ruanda (links). Jetzt wird mir auch klar, warum eine Besteigung des Sabinyo von der ruandischen Seite her praktisch unmöglich ist.

Ich schaue links hinunter nach Ruanda...


... und als ich mich wieder umdrehe, haben die Wolken bereits Peak III verschluckt:


Wenigstens bis zum Peak II wollen wir aber noch gehen. Dafür müssen wir erst ein Stück auf dem Grat absteigen, dann geht es wieder aufwärts, mit Hilfe der schon bekannten Treppenleitern:


So erreichen wir Peak II. Auf einmal eine ganz andere Vegetation, und durch den Nebel dazu auch noch eine ganz andere Atmosphäre:


Allerlei schöne Pflanzen und Blumen gibt es hier, und wenn ich als Botaniker nicht so unbrauchbar wäre, könnte ich euch die Namen nennen.




Nach Osten schweift der Blick zum Gahinga und dem dahinter liegenden Muhavura:

Wir blicken hier also genau entlang der Grenze zwischen Uganda links und Ruanda rechts (auch ich selbst stehe genau auf der Grenze).

Im Westen sehen wir die Aufstiegsroute zum Peak III:

Ihr erkennt die Leitern, die dort hinauf führen. Bei schönem, sonnigem und trockenem Wetter hätte ich es vielleicht in Betracht gezogen, diese Leitern hinauf zu gehen; da es aber nicht nur nebelig ist, sondern auch zu regnen beginnt und ich nicht mit schlammverschmierten Schuhen auf einer nassen, glitschigen Leiter dieses Neigungswinkels herumturnen möchte (jedenfalls nicht, wenn rechts und links derartige Steilhänge sind), lassen wir es hier auf dem Peak II genug sein. Wenn jemand von euch es besser machen will als ich, dann „nur zu!“ – Laut Google Earth sind es vom Peak II bis an die Grenze zum Kongo noch circa 250m horizontale Entfernung.

Nun gehen wir also wieder zurück, und nun nehme ich mir auch die Zeit, ein paar Fotos mehr zu machen. Hier zum Beispiel der Weg abwärts von Peak II zu Peak I:


Und hier der weitere Abstieg vom Peak I:

Diese Art von Vegetation hatten wir am Gahinga nicht gesehen, und das wundert mich. Schließlich liegt der Gahinga nur wenige Kilometer entfernt, und man sollte doch erwarten, daß dann auf gleicher Höhe auch die gleiche Vegetation anzutreffen wäre. Aus irgendeinem Grund ist das aber nicht ganz genau so. Was auch immer der Grund, schön anzusehen ist dieser Bergwald auf jeden Fall.

Wir gehen also durch diesen Bergwald bergab, erreichen nach einer Weile wieder den Bambuswald, dann erst das trockenere Buschland und anschließend das Sumpfgebiet. Schließlich, auf fast ebenem Gelände, kommt ein weiterer Bambusbestand...

... und kurz danach sind wir wieder am Visitor Centre.

Abends im Camp lasse ich die Tour noch einmal Revue passieren: es war in der Tat eine schöne Bergwanderung gewesen, nicht wirklich hoch – gerade einmal 3537m – aber durch die Schroffheit des Geländes und die verschiedenen Vegetationsstufen doch beeindruckend und ein Genuß. Mit einem Wort: es hat sich gelohnt.

Der Sabinyo wird gerne und relativ oft bestiegen. Dennoch gibt es im Netz nicht viele Berichte davon. Einen der wenigen findet ihr hier


Rückzug an die Arbeit

Am kommenden Morgen, bevor ich wieder abreise, werfe ich noch einmal einen letzten Blick auf den Muhavura:


Ihn ebenfalls zu besteigen, hatte ich in Betracht gezogen, aber die Zeit reicht letztlich nicht dafür. Außerdem sagten mir die Einheimischen, die Besteigung lohne sich eigentlich nur wegen der Aussicht vom Gipfel; der Gipfel war aber in den vergangenen Tagen stets vom späten Vormittag an in Wolken gehüllt, man müßte den Aufstieg also während der Nacht vornehmen. Dies allerdings erlaubt die Nationalparkverwaltung wiederum nicht. – Naja, man kann eben nicht alles haben...

Und so fahren wir denn ab. Mit einem Zwischenstop in Kisoro erreichen wir wieder die Grenze. Mein eigener Grenzübertritt dauert nicht lange, aber es bedarf gewaltiger Formalitäten, um das Auto über die Grenze zu bringen. Das könnt ihr in Europa euch gar nicht vorstellen; ein unglaublicher Papierkrieg.

Nach wenigen Stunden erreichen wir Kigali, und hier verbringe ich noch einmal eine Nacht, bevor ich am folgenden Tag nach Dar es Salaam zurück fliege (und von dort, wieder einen Tag später, weiter nach Addis Abeba; aber das ist eine andere Geschichte).
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Alt 26.02.2017, 19:14   #1
Andreas
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Daumen hoch AW: Berge, Wälder und Gorillas. – Die Virungas

Ich kann nur sagen: Wow!
Wußte gar nicht, dass dieses Dreiländereck "geöffnet" für den Tourismus ist.

Die Vegetation am Peak II erinnert mich an den Ruwenzori.

Großartige Tour und vielen, vielen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast, den Bericht hier einzustellen!
__________________
Gruß, Andreas



www.qualitytrails.com
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Alt 11.03.2017, 06:25   #2
OutofSaigon
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Standard AW: Berge, Wälder und Gorillas. – Die Virungas

Niemand braucht sich bei mir zu bedanken. Es muss doch wohl unser aller Interesse sein, dafür zu sorgen, dass dieses schöne Forum nicht an Anämie zugrunde geht. Also, Kamerad*innen: schreibt mal ein paar Berichte!

Die von mir beschriebene Gegend ist durchaus für Tourismus geöffnet und wird von der ugandischen Seite her recht häufig besucht (weswegen ja, wie ich erwähnte, eine Unterkunft auch einmal ausgebucht sein kann). Von der kongolesischen Seite her sieht es allerdings anders aus: erstens käme man von Westen her niemals an einem einzigen Tag auf den Sabinyo und wieder zurück; man müsste also im Wald kampieren, was aber verboten ist. Zweitens ist die Sicherheitslage im Kongo alles andere als stabil, weswegen so lohnende Ziele wie der Mikeno immer wieder als "unerreichbar" eingestuft werden müssen. Eine Kollegin von mir war vor einem halben Jahr an dem Lavasee auf kongolesischem Territorium, aber mittlerweile ist auch das bis auf weiteres wohl nicht mehr ratsam.

Auf den Ruwenzori käme ich wohl auch gerne einmal. Er liegt ja nicht weit von den Virungas entfernt, weshalb die Ähnlichkeit der Vegetation auch nicht überraschend ist.
OutofSaigon ist offline   Mit Zitat antworten
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wanderrentner (13.03.2017)
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