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Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt
Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt
Eindrücke und Schilderungen aus den Achtzigerjahren
Geschrieben von OutofSaigon
15.05.2017
Standard Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt

Wasserlandschaften und Boote, Langhäuser und Dörfer, wo und wie Hans A. zu Tode kam, Menschen und ihre Kultur, und täglich einen Büffel zum Abendessen, das sind die avisierten „Bilder“, die ich euch im Rahmen dieses vielleicht etwas ungewöhnlichen Berichts Zug um Zug zugänglich machen möchte. -- Der Ausdruck „Bilder einer Ausstellung“ klingt wohl einigen von euch vertraut (das hoffe ich wenigstens, obwohl dies hier ja kein Kulturforum ist). So heißt eine berühmte Komposition von Mussorgski. Ich mag sie sehr, und ich möchte euch die Erinnerungen an das, was ich in den frühen Achtziger-Jahren erlebt habe, in solchen „Bildern“ präsentieren. Die „Ausstellung“ selbst ist mittlerweile wohl „geschlossen“.

Die Reihenfolge der „Bilder“ in diesem Bericht ist keine chronologische Sequenz. Vielmehr stelle ich nun aus meinen Hunderten von alten (und mittlerweile digitalisierten) Dias Zug um Zug Gruppen zu jeweils einem Thema zusammen. Vieles von dem, was wir damals gesehen und erlebt haben, ist mittlerweile wohl unwiederbringlich Vergangenheit geworden, und was ich euch hier präsentiere, ist deswegen auch ein Zeitdokument. Wer sich für weitere (und kulturhistorisch noch relevantere Fotos) aus der Vergangenheit Borneos interessiert, der sollte versuchen, zum Beispiel an den Bildband „Vanishing World - The Ibans of Borneo“ zu kommen.

Über drei Jahre haben meine Familie und ich in Borneo gelebt, genauer gesagt: in der indonesischen Provinz Ost-Kalimantan, die meiste Zeit davon in der Provinzhauptstadt Samarinda, knapp südlich des Äquators. Es war ein eindrucksvoller Teil meines erfahrungsreichen Lebens. Die folgenden „Bilder einer Ausstellung“ sind in erster Linie eine Schilderung meiner/unserer persönlichen Erlebnisse, aber vielleicht gefallen sie auch einem etwas größeren Leserkreis; denn in jene Gegend verirren sich nur sehr wenige Ausflügler ...
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Alt 15.05.2017, 07:33   #1
OutofSaigon
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Standard AW: Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt

„Bild 1“ : Wasserlandschaften und Boote


Ein großer Teil Ost-Borneos ist geprägt von den „Wasserlandschaften“ um den gewaltigen Mahakam und seine Nebenflüsse, die Seen und Sümpfe. Straßen und Wege spielten jahrtausendelang eine untergeordnete Rolle. Menschen und Güter wurden in erster Linie per Boot transportiert. Boote verschiedenster Art und Größe waren auch für uns in den Achtzigerjahren das primäre Fortbewegungsmittel. Ich selbst war insgesamt viele Wochen auf verschiedenen Bootstouren und -typen unterwegs, und manche meiner Kollegen noch viel mehr. Oft fuhren wir in der Nacht, und das Licht der aufgehenden Sonne im Morgennebel war jedes Mal ein wunderschönes Erlebnis:



Wenn du dieses Licht siehst, ist es für tropische Verhältnisse kühl, vielleicht 25 Grad. Die Luftfeuchtigkeit ist in diesem Milieu allerdings so hoch, daß schon bei dieser Temperatur fast der Taupunkt erreicht ist; es ist also unheimlich feucht, deine Kleider sind klamm, und durch den Fahrtwind des Bootes hast du das Gefühl, es wäre richtig kühl. Ich kann es mit Worten nur ungefähr beschreiben; wer es erlebt hat, dem ist es unvergeßlich.

Im noch fahlen Licht des frühen Morgens siehst du die Boote und - je nachdem, wo genau du bist - zu beiden Seiten des Flusses eventuell einen Sumpfwald aus einer Palmenart, die auf Malaiisch und Indonesisch „Nipah“ genannt wird.



Wenn dann die Sonne schon etwas höher steht und sich eine Bahn durch den Morgennebel gebrochen hat, kommt ein wenig mehr Kontrast ins Bild. Der etwas spätere Morgen und der Spätnachmittag sind die schönste Zeit für eine Bootsfahrt (wenn man sie denn auch etwas genießen will, neben dem Hauptzweck, von A nach B zu kommen).




Der Mahakam ist ein großer Fluß, der damals in den frühen Achtzigerjahren den Hauptzugang zu einem ausgedehnten Hinterland bildete. Zugang per Straße gab es praktisch nicht. Entsprechend rege war der Bootsverkehr auf dem Fluß. Hier z. B. ein „Bus“ („Wassertaxi“ sagen manche, aber das erweckt einen falschen Eindruck; denn diese Boote verkehren regelmäßig nach bestimmtem Fahrplan auf bestimmten Routen zu Festpreisen).



Und hier die Fahrgäste:



An den Anlegestellen der größeren Dörfer herrscht reger Bootsbetrieb. Hier zum Beispiel wollen die Leute zu dem Markt rechts im Bild:



Wo so viele Boote und so viele Menschen zusammen kommen, sind die fliegenden Händler natürlich nicht weit; nur daß sie in diesem Milieu nicht fliegen, sondern schwimmen:





Hier noch einmal die schwimmenden Händler; im Bild auch zwei „doppelstöckige Busse“:




Es soll nun aber niemand glauben, diese Boote wären nur tagsüber unterwegs. Weil so ein Boot sich selbstredend vergleichsweise langsam bewegt, wird auch nachts gefahren, um die mehr oder minder wertvolle Zeit der Fahrgäste zu sparen (und natürlich auch, um die Einkünfte aus dem Bootsbetrieb zu maximieren). Ein bestimmter Ort am Mahakam (Selerong hieß er) war besonders bekannt und beliebt für abendliche bzw. nächtliche Zwischenhalte; auf großen Floßen waren allerlei Geschäfte und Restaurants zu finden:



Hinter den Restaurants, ganz hinten, gab es noch kleine Zimmer, wo - äh, ja, wie soll ich sagen? - „sonstige Dienstleistungen“ zur Verfügung standen.


Es gab auf diesem riesigen Flußsystem aber nicht nur „Busse“ sondern auch jede Menge „Privatfahrzeuge“, die meisten davon nur klein und von einem Typ, der „Ketinting“ genannt wurde:



Ihr seht den kleinen Motor mit der langen Welle, die zum Propeller führt. Diese Motoren knattern ziemlich laut, selbstredend vor allem dann, wenn zwecks Treibstoffersparnis bzw. Kraftverstärkung der Auspufftopf modifiziert oder gar ganz abgenommen worden war. Das stört die Stille der Natur, könnte man sagen, aber es gibt den Siedlungen und dem ganzen Getriebe auf dem Fluß eben auch eine ganz spezifische, typische Geräuschkulisse. Wer sie einmal gehört hat, vergißt sie nie. Und so fühle ich mich immer wieder an meine Zeiten am Mahakam erinnert, wenn ich die Bootsmotoren im Mekongdelta höre.


Eingewoben in dieses ausgedehnte Flußsystem sind auch einige Seen. Frühmorgens ist das Wasser noch ganz ruhig und spiegelglatt:



Später dann, wenn der Wind des Tages aufgekommen ist, wird auch diese Wasseroberfläche etwas rauher. Sie ist aber immer noch glatt genug, daß auch ein Ketinting mit wenigen Zentimetern Freibord gefahrlos verkehren kann:



So ausgedehnt diese Wasserflächen auch sind – jeder der drei größeren Seen mißt einige Dutzend Quadratkilometer – so erstaunlich seicht können diese Seen doch sein. Ich habe es erlebt, daß in der Trockenzeit stellenweise noch nicht einmal 30 cm Wasser übrig waren. Da mußt du selbst mit so einem kleinen Ketinting gut aufpassen, daß du nicht auf Grund läufst.


Hunderte von Dörfern liegen aber gar nicht am Hauptfluß (eben dem Mahakam) sondern an einem der vielen Nebenflüsse, die es natürlich in allen Größen gibt. Die sind durchaus nicht immer ganz einfach zu befahren. Manche haben richtige Schnellen, die das Geschick des Bootsführers ernsthaft auf die Probe stellen. Aber selbst wenn es nur eine kleine Stufe ist, ein Mini-Wasserfällchen sozusagen, braucht es auch schon einige Anstrengung ...



... und die Sache ist gar nicht so einfach, wie der kleine Moritz sich das vielleicht vorstellt.



Auf einem dieser Nebenflüsse bin ich einmal mit dem riesigsten Einbaum gefahren, den ich je gesehen habe: er war ungefähr 1,20m breit, muß also aus einem gigantischen Baum hergestellt worden sein.


Dann gibt es noch die kleineren Nebenflüsse. Manche schlängeln sich nur so durch das flache Sumpfland dahin, so wie hier:







Irgendwann erreicht man aber auch auf solchen Fahrten einmal das Dorf, zu dem man wollte. Ich fand es immer wieder erstaunlich, mit welch langen Booten die Leute auf welch schmalen Flüßchen noch fahren; die sind in der Steuerung der Dinger unheimlich geschickt.







Na, und zum Schluß dieses Themas noch zwei Fotos von einem ganz kleinen Flüßchen, versteckt im finsteren Dschungel, wo wir ebenfalls einmal gefahren sind:





Diese beiden Fotos haben eine besondere Geschichte; denn kurz nachdem ich sie gemacht hatte, sank das Kanu, das ihr hier seht. Wir waren mit zwei Kanus unterwegs (auf dem anderen, vorderen stand ich, als ich diese beiden Fotos machte). Bei der Abfahrt hatte ich noch so das Bauchgefühl, daß dies eine nasse Sache werden könnte, und trug deswegen nur T-Shirt und kurze Hose. Und dann passierte es: das vordere Kanu fuhr unter einem umgestürzten Baum durch, der schräg über dem Flüßchen lag. Unser Bootsführer hatte das Hindernis rechtzeitig gesehen und zielte selbstredend auf die Seite, wo der Baum höher lag; so kamen wir problemlos durch. Der Bootsführer hinter uns aber hatte den Baum nicht rechtzeitig sehen können und schaffte es daher nicht mehr, auszuweichen, sondern kam dort an, wo besagter Baum wesentlich niedriger über dem Wasser lag. Die Passagiere bückten sich noch blitzschnell, aber der blaue Außenbordmotor, den ihr auf den beiden Fotos seht, der bückte sich nicht, und so wurde er von der Rundung des Baumstammes so weit nach unten gedrückt, daß das Wasser ins Boot schwappte. Und weil das Kanu relativ schwer beladen war - mit dem Motor und einem tragbaren Generator -, sank es innerhalb weniger Sekunden.

In dem vorderen Boot sitzend, hatte ich die Gefährlichkeit der Situation gesehen und war auf alles vorbereitet. Als das hintere Boot also sank, sprang ich sofort ins Wasser und konnte so fast alles, was da angeschwommen kam, aufsammeln und ans trockene Ufer werfen. Versunken waren selbstverständlich der schwere Generator und der schwere Motor, mit letzterem zusammen natürlich auch das Boot, an dem der Motor ja fest verankert war. Da durften sich also die Kollegen erst einmal ausziehen, und dann hieß es „tauchen!“. Das Wasser war nicht allzu tief, keine zwei Meter, aber es war natürlich schlammig, und man konnte Objekte nicht sehen, sondern nur ertasten. Wir ertasteten das Boot, was ja nicht schwierig war, und mußten dann unter Wasser den Motor abschrauben. Zeitraubend, aber machbar. Die Suche nach dem versunkenen Generator dauerte etwas länger, aber wir hatten letztlich auch damit Erfolg. Das Kanu schöpften wir aus, und so konnten wir anschließend weiter fahren bis ins nächste kleine Dorf; allerdings war der Motor natürlich nicht mehr funktionsfähig.

Einer von unserer Gruppe war der Distriktvorsteher. Er konnte in dem kleinen Dorf erreichen, daß uns ein anderer Außenbordmotor geliehen wurde. Mit dessen Hilfe erreichten wir dann wieder einen größeren Ort, wo unser eigener Motor auseinander genommen, gründlich mit Kerosin gereinigt und wieder einsatzbereit gemacht wurde. Den geliehenen Motor ließen wir in der Werkstatt zurück mit dem Auftrag, ihn dem Eigentümer zurück zu geben, wenn jener irgendwann einmal vorbei käme. In so einer ländlichen Gegend, wo jeder jeden kennt, kann man das so machen. -- Ein paar Tage später war ich wieder in der Provinzhauptstadt Samarinda bei meiner Familie und im Projektbüro, und ich hatte etwas zu erzählen.
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Alt 03.06.2017, 18:39   #2
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Standard AW: Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt

„Bild 2“ : Dörfer und Langhäuser


Natürlich gab es in jener Region – wie fast überall auf der Welt – eine Menge Dörfer. Fast alle davon lagen irgendwie am Wasser (das war ja meistens die einzige Zugangsmöglichkeit). Hier zum Beispiel seht ihr Tanjung Isuy, den praktisch einzigen Ort, der schon in den Achtziger-Jahren begann, bewußt einen (bescheidenen) Fremdenverkehr zu entwickeln:


Und hier ein kleineres Dörfchen, mitten im Sumpf gelegen, in der Zeit des hohen Wasserstandes:


Und hier ein anderes:



Bei unseren vielen Bootstouren durch die Mahakam-Region sahen wir immer und immer wieder diese folgenden typischen Szenen: Häuser am Wasser und Menschen, die mit ihren Ketintings hin und her fuhren:












Bei hohem Wasserstand, logischerweise meist am Ende der Regenzeit, sahen die Dörfer so aus wie auf den obigen Fotos. Bei niedrigem Wasserstand allerdings (am Ende der Trockenzeit) bot sich ein anderes Bild:

Manche der Häuser standen eben auf hölzernen Stelzen, deren Höhe recht genau dem höchsten zu erwartenden Hochwasser-Pegel entsprach. Andere, zum Beispiel das Haus rechts in obigem Bild, waren gebaut auf schwimmenden Stämmen und damit natürlich sowieso absolut hochwassersicher. In der Bildmitte übrigens ein Toilettenhäuschen.


Die vorherrschende Religion in jener Gegend ist Islam, und so finden sich Hunderte von Moscheen in der vom Wasser geprägten Landschaft, so ungewöhnlich man das auch finden mag (denn Mitteleuropäer assoziieren Moscheen ja spontan eher mit den trockenen Regionen des Nahen und Mittleren Ostens). Die Gläubigen fahren also mit dem Boot zur Moschee. Diese Moscheen sind mitunter durchaus relativ groß und prächtig; die Menschen hier sind nicht unbedingt arm:





Hier nun sind wir in Muara Muntai, mitten im Sumpfland gelegen, einem Verkehrs- und Handelszentrum, das nach den Maßstäben jener Region und jener Zeit schon fast als Kleinstadt gelten mußte.


Aber wer nun denkt, dies wäre eine ganz normale Dorfstraße, der irrt: die ganze „Dorfstraße“ besteht aus Holzbrettern, die auf hölzernen Pfosten und Balken liegen und sich in der Trockenzeit etwa vier Meter über dem Boden befinden. Bei Hochwasser ist die „Straße“ dann nur noch einige Dezimeter über dem Wasser. Diese „Straße“ gibt es allerdings nur in der Dorfmitte, und wo sie endet, muß man eben selber schauen, wie man weiter kommt, was nicht immer ganz problemlos ist.


Für solche Konstruktionen wurde bevorzugt das sogenannte Eisenholz („Ulin“ auf Indonesisch) verwendet. Dies ist ein Holz, das unglaublich wasserbeständig ist, sehr hart, wunderbar leicht zu sägen, aber auch sehr brüchig (schlag einen Nagel hinein, und es zerspringt; du mußt immer erst vorbohren). Es hat übrigens ein spezifisches Gewicht von mehr als 1; es versinkt also im Wasser. Eisenholz gab es bis in die Achtzigerjahre noch reichlich; aber die Bestände sind mittlerweile wohl geplündert. In wenigen Jahrzehnten hat Homo „sapiens“ vernichtet, was über Tausende und Millionen von Jahren gewachsen war. Eigentlich schrecklich...


Es gab aber auch Dörfer, deren Häuser ganz und gar auf Baumstämmen gebaut waren und in der Mitte irgendeines Sees schwammen; das sah dann so aus:




Diese Dörfer waren also nicht ortsfest, sondern „transportabel“, so wenig man sich das anderswo auch vorstellen kann. Und ich habe es tatsächlich erlebt, daß ein Dorf, das ich an einer bestimmten Stelle in einem See vorgefunden hatte, nur wenige Tage später einfach weg war; die Dörfler hatten es mit ihren Motorbooten woanders hin gezogen.


Wo viel Wasser ist, gibt es auch viele Fische, und ein ganz erheblicher Teil der ländlichen Produktion war eben Fisch. Hier liegen Fische (natürlich ausgenommen und aufgeschnitten) zum Trocknen in der Sonne:





Auch durch Räuchern wurde Fisch haltbar gemacht:




Andere Dörfer aber liegen auf einem Uferstreifen, der auch in der Regenzeit nicht (oder nur selten und seicht) überschwemmt wird. Wenn man dann mit dem Boot ankommt, muß man erst einmal das Ufer hinauf klettern.


Na, und wenn die Dörfler hören, es käme ein weißer Mann, dann rennen die Kinder herbei, um dieses außergewöhnliche Ereignis nur ja nicht zu verpassen. Hier sieht ihr sie, mit den weiß-roten Uniformen der indonesischen Grundschulen:



Wenn man „Borneo“ hört, denkt man auch an die bekannten Langhäuser, die jahrhundertelang die vorherrschende Siedlungsform der Bewohner des Insel-Inneren waren, nun aber zunehmend „aus der Mode kommen“. So sah ein noch bewohntes Langhaus in den Achtziger-Jahren aus:


Andere Langhäuser aber waren schon damals verlassen und verfielen dementsprechend:


Dasselbe Langhaus, einige Wochen später aus der Luft fotografiert. Den Namen des Dorfes habe ich inzwischen vergessen.


Als ich mich nun mit den Dörflern über das Langhaus unterhielt, sagten die meisten der Älteren, sie wünschten sich die Wiederherstellung des Langhauses, und baten um finanzielle Unterstützung der Regierung. Die Jüngeren waren davon aber nicht angetan: sie wollen in Einzelhäusern wohnen, wie es doch heutzutage modern ist, wie es ihnen das Fernsehen aus dem fernen Jakarta und anderen Städten zeigt. Langhaus ist altmodisch. Und weil sich die Mehrheit naturgemäß immer weiter zu Gunsten der Jüngeren verschiebt, ist dieses Langhaus inzwischen wahrscheinlich völlig verfallen.


Das stattlichste Langhaus der ganzen Region wurde in den Zwanzigerjahren in einem Ort names Mancong (ausgesprochen: Mantschong) erbaut, war aber sechzig Jahre später ebenfalls nicht mehr bewohnt. Wir besuchten 1985 seine Ruine und sahen sie auch aus dem Flugzeug. Wie ihr erkennt, was das für seine Zeit (wie gesagt: die Zwanziger-Jahre) ein riesiges Gebäude.








Das Langhaus von Mancong ist aber mittlerweile mit öffentlichen Mitteln restauriert worden, allerdings als Touristen-Attraktion und Museum, nicht als das Wohngebäude, das es ursprünglich gewesen war. Sucht im Internet nach dem Begriff „Mancong Longhouse“! Kann gut sein, daß ein Besuch sich lohnt...

Das Gebäude ist also erhalten bzw. wiederhergestellt worden; die Lebens- und Wohnform „Langhaus“ verschwindet allerdings langsam. 2006 habe ich im malaysischen Teil von Borneo (in Sarawak) ein Langhaus besucht, das tatsächlich noch „voll in Betrieb“ war, aber solches wird immer mehr zur Ausnahme.

Heutzutage werden ländliche Regionen zunehmend auch durch Straßen erschlossen, und mit den Transportformen ändern sich auch die Lebensformen; sie ähneln wahrscheinlich auch in Ost-Borneo immer mehr dem typischen indonesischen „Einheitsbrei“. Ich schätze mich glücklich, jene Region noch so gesehen zu haben, wie sie damals war...
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Alt 11.06.2017, 08:36   #3
Boreas
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Standard AW: Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt

Sehr schöne Bilder und Geschichten, Entwicklungshilfe? Ich kenne diese Zeit und solche Lebensläufe noch, aber nur als nachfolgende Generation. Damals gab es noch wirklich freie Ausbildungswege und solche Abenteuer fürs Steuergeld, zugegeben für wenige. In der Form ist das wohl vorbei und nur einer ganz kleinen Gruppe zur rechten Zeit geschenkt worden. Schön, an diese fette Zeit zu erinnern.
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Alt 11.06.2017, 09:57   #4
OutofSaigon
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Standard AW: Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt

„Bild 3“ : Wo und wie Hans A. zu Tode kam


Irgendwann im Frühsommer 1981 kamen zwei junge deutsche Frauen den Mahakam herunter in die Provinz-Hauptstadt Samarinda. Sie hatten gehört, es gäbe dort eine Projektstation mit vielen Deutschen. Dorthin schlugen sie sich durch, und dort baten sie um Hilfe. Gepäck hatten sie keines dabei. Sie erklärten, daß sie bei einem Bootsunglück alles verloren hätten: Gepäck, Pässe, Geld, einfach alles außer dem Leben und den Kleidern, die sie am Leibe trugen. Ein Mann, der mit ihnen gereist war, sei sogar bei dem Unglück umgekommen. Irgendwie half man den beiden, nach Jakarta zur deutschen Botschaft zu kommen, und dort bekamen sie weitere Unterstützung. Über die Botschaft wurde auch die Witwe des umgekommenen Mannes ausfindig gemacht und benachrichtigt, was in jenen Tagen wohl recht schwierig und zeitaufwändig gewesen sein muß.

Im Jahr darauf wurde mir selbst aufgetragen, eine Erkundungstour von Samarinda an den aller-obersten Oberlauf des Mahakam – nach „Ulu Mahakam“ – zu organisieren. Dort hatte sich das erwähnte Bootsunglück zugetragen. Im Prinzip wollten wir mit einem kleinen Flugzeug nach Ulu Mahakam, denn dort war vor kurzem eine einfache Landepiste gebaut worden (es gab und gibt wohl auch heute noch zahlreiche kleine Landepisten im Urwald; meistens hatten Holzgesellschaften sie angelegt, aber auch die christlichen Missionare benutzten sie oft; denn Straßenverbindungen gab es ja nicht). Unsere Gruppe war aber zu groß für das kleine Flugzeug, und wir mußten deshalb in zwei Partien reisen. Damit das Flugzeug aber nicht zum Auftanken bis nach Samarinda zurück fliegen mußte, sollte ihm ein Teil der Gruppe mit dem Flußboot etwa die halbe Entfernung entgegen kommen und ein paar Fässer Treibstoff mitbringen. Das organisierte ich alles. Wir hatten den (übrigens recht explosiven) Flugzeug-Treibstoff auf dem Boot, schipperten damit nach Melak (was etwa zwei Tage dauerte), luden dann dort alles auf ein paar rasch angemietete Autos und fuhren mit denen bis zu der kleinen Graspiste, die irgendwo außerhalb des Ortes im Busch lag. Dann kam auch tatsächlich unser Flugzeug dorthin, wir betankten es mit Hilfe einer Handpumpe und brachten so die zweite Hälfte der Delegation ans Ziel.


Ulu Mahakam ist wohl eine der abgelegensten Regionen der Welt, mitten im allertiefsten Borneo:


Dennoch sind Menschen natürlich auch bis dorthin vorgedrungen, haben Dörfer gebaut und Felder angelegt. Sie gehören zu den Dayaks (für Ethnologen: einer Gruppe der Proto-Malaien) und speziell der Untergruppe der Kenyah-Dayak. Ihre Kultur war schon damals im Niedergang und ist heute wahrscheinlich noch sehr viel mehr verwässert. Ich hatte aber das Glück, die Kenyah-Dayak noch ein wenig so zu sehen, wie sie damals lebten, und ich teile im Folgenden meine Eindrücke mit euch.


Auch am obersten Oberlauf des Mahakam wird das Landschaftsbild natürlich von diesem Fluß bestimmt, und auch hier - wie im allerersten Foto unter „Bild 1“ dieses Berichts - verleiht der morgendliche Nebel über dem Fluß der ganzen Szenerie etwas Mystisches. Auf der anderen Seite des Flusses fährt soeben ein kleines Boot entlang (auf dieses habe ich fokussiert), und weil es nur ein Paddelboot ist, stört es die wunderbare Stille in keiner Weise. Dies persönlich erlebt zu haben, ist eine irgendwie ergreifende Erinnerung.



Nun waren wir aber nicht primär hierher gekommen, um die Stille zu genießen, sondern um eine Erkundungstour durch die Dörfer in diesem Flußabschnitt zu machen. Zu diesem Zweck fuhren wir letztendlich doch mit zwei Motorbooten. Die Bootsleute hatten sich erbeten (wir waren vorher über Kurzwellenfunk mit ihnen in Kontakt gewesen), daß wir ihnen die Bootsmiete nicht in bar bezahlen sollten, sondern in allerlei „Naturalien“, vor allem Ersatzteilen für Bootsmotoren. Das macht ja auch eine Menge Sinn; was fängst du mit Bargeld an, in einer Region, wo es ohnehin fast nichts zu kaufen gibt? So fuhren wir denn einige Tage lang auf dem Fluß, dem Oberlauf des Mahakam:







Wir sahen allerlei kleinere Siedlungen; man könnte sie „Weiler“ oder „Einöden“ nennen.






Größere Dörfer gab es nur in sehr geringer Zahl. Davon im Folgenden einige Bilder:

Das große Haus einer relativ wohlhabenden Familie:


Die „Empfangsterrasse“ jenes Hauses; über der Eingangstür steht geschrieben: „Selamat Datang“; das bedeutet „Willkommen“ im modernen Standard-Indonesisch (welches die Menschen dort schon vor Jahrzehnten recht gut sprachen).


Eine weit ärmlichere Behausung:

Beachtet an der Frau rechts im Bild erstens die Tätowierungen auf den Handrücken und zweitens die Ringe, die an ihren ausgedehnten Ohrläppchen (!!) hängen!

Noch eine Wohnhütte sowie (links) eine kleine „Scheune“:


Hier das Innere eines größeren Hauses, mit der Feuerstelle (links unten), allerlei Regalen und dergleichen, und einer Dekoration im typischen Stil der Kenyah-Dayak (rechts oben):


Vor hundert Jahren waren die Dayak wohl noch überwiegend Animisten, aber schon in den Achtziger-Jahren bekannten sich die allermeisten zu einer christlichen Religion oder Sekte. Amerikanische Missionare waren (und sind wohl noch heute) im Inneren Borneos sehr aktiv, und ich hatte auch einige Freunde unter holländischen Missionaren. Jedenfalls sah eine der (sehr wenigen) Kirchen in den (sehr wenigen) Dörfern von Ulu Mahakam so aus:



Hier seht ihr Frauen beim Stampfen von Reis, also der Herstellung von Reismehl:


Frauen beim Flechten von Fußboden-Matten:





Auch hier seht ihr wieder die Tätowierungen auf den Handrücken und die vielen Ringe, die an den ausgedehnten Ohrläppchen hängen.


Tja, so war Ulu Mahakam Anfang der Achtziger-Jahre, und hier war Hans A. umgekommen. Wie kam er um, und wer war er überhaupt? Nun, Hans A. hatte mit den beiden jungen Frauen, die ich eingangs erwähnte, einen irren Trek gemacht: von Sarawak (einem Teil Malaysias) im Westen Borneos durch den Dschungel über die zentrale Bergkette herüber nach Ulu Mahakam. Das muß ein Abenteuer gewesen sein, das man sich kaum vorstellen kann. Dann wollten sie weiter, den Mahakam flußabwärts an die Ostküste, und wollten zu diesem Zweck ein Boot anmieten. „Kommt nicht in Frage“ sagten alle Bootsleute „viel zu gefährlich derzeit; es hat in den letzten Wochen viel geregnet, das Wasser steht hoch, und der Fluß ist unglaublich reißend.“ Keiner wollte fahren, für wieviel Geld auch immer. Aber Hans A. drängte und drängte, bis er zum Schluß doch einen Bootsmann überredet hatte, das Wagnis einzugehen und den Fluß hinunter zu fahren. Weit kamen sie allerdings nicht. An einer der zahlreichen Schnellen konnte der Bootsmann das Boot in dem reißenden Wasser nicht mehr kontrollieren, und es kenterte. Der Bootsmann und die beiden jungen Frauen konnten ihr Leben retten, wenn sie auch alles andere verloren, aber Hans A. schlug mit dem Kopf auf einen Felsen und war tot. Seine Leiche konnte geborgen werden und wurde dann in dem kleinen Ort Tiong Ohang begraben. Die Dayaks setzten auf sein Grab ein Holzkreuz, das ihr hier seht (sein Nachname war ganz deutlich zu lesen, aber für dieses Forum habe ich ihn unkenntlich gemacht):

„Died May 4, 1981“ lest ihr hier auf Englisch.

Ich machte also ein paar Fotos von seinem Grab, ließ später Papierabzüge davon herstellen und schickte diese seiner Witwe mit einigen erklärenden und tröstenden Worten. Für all das bedankte sie sich später brieflich bei mir. Sie wohnte irgendwo im Schwäbischen, ich weiß nicht mehr genau wo, und der Familienname ist auch zu häufig, als daß ich sie jetzt noch über Dastelefonbuch o. ä. finden könnte (wenn sie überhaupt noch lebt). Mittlerweile ist das Holzkreuz mit Sicherheit verrottet, und daß jemand ein neues gesetzt hat, wage ich zu bezweifeln. Hans A.s Gebeine findet nun wohl niemand mehr. - Requiescat in Pace!
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Andreas (03.08.2017), Gert (12.06.2017)
Alt 22.06.2017, 17:45   #5
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Standard AW: Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt

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Zitat von Boreas Beitrag anzeigen
Sehr schöne Bilder und Geschichten, Entwicklungshilfe? Ich kenne diese Zeit und solche Lebensläufe noch, aber nur als nachfolgende Generation. Damals gab es noch wirklich freie Ausbildungswege und solche Abenteuer fürs Steuergeld, zugegeben für wenige. In der Form ist das wohl vorbei und nur einer ganz kleinen Gruppe zur rechten Zeit geschenkt worden. Schön, an diese fette Zeit zu erinnern.

Ich habe Boreas zehn Tage Zeit gegeben, diesen Kommentar gerade zu ziehen, er/sie ist aber nicht darauf eingegangen. Nun kommt es also öffentlich.

"Abenteuer fürs Steuergeld" ... "geschenkt" ... "fette Zeit". - Das ist nicht nur Quatsch, sondern eine regelrechte Beleidigung für die KollegInnen, die in diesem Entwicklungsprojekt jahrelang ausgeharrt haben, z. T. in Holzhäusern ohne Strom und Wasser, von Telefon ganz zu schweigen. Das Flußboot war die einzige Verbindung zur Außenwelt und brachte die Post (von Borneo nach Dtl. und zurück ca. 4-6 Wochen, soweit sie nicht verloren ging). Versorgungslage bescheiden bis miserabel, einmal alle zwei Jahre ein Flug in die Heimat.

Boreas´ Geblubber ist so total daneben, daß man es kaum glauben kann.
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Andreas (03.08.2017)
Alt 03.08.2017, 15:38   #6
Andreas
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Standard AW: Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt

Ich wollte nur mal schnell reinschauen ... und bin nun schon seit einer halben Stunde in diesem Thread. Nebenbei Google Maps offen...

Danke!

Hast du eigentlich einmal darüber nachgedacht, deine Erinnerungen in Form eines Buches zu verewigen?
__________________
Gruß, Andreas



www.qualitytrails.com
Andreas ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.08.2017, 11:40   #7
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Standard AW: Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt

Wenn meine Erinnerungen das Interesse der Leserschaft finden, freut es mich natürlich sehr. Ein Buch daraus zu machen, ist aber wohl keine Option. Dazu ist das Material zu wenig, und die Fotos sind zu vergammelt. Man bräuchte auch einen potenziellen Käuferkreis von mindestens 20.000, dazu einen effektiven und praktikablen Vertriebskanal. Alles nicht gegeben.

Ich kann die Herausforderungen sehr wohl beurteilen, denn ich habe in der Tat einmal ein Buch heraus gebracht: selbst geschrieben und illustriert, Drucklegung und Vertrieb besorgt - alles. War ein gewaltiger Aufwand. Insgesamt 7.000 Exemplare habe ich verkauft. Und das in den frühen Neunzigerjahren, als die "Konkurrenz" des Internets praktisch noch nicht existierte. Meine technischen Kosten habe ich wieder herein bekommen, aber der Lohn für meine Arbeit bestand nur aus der Ehre. - Wer mehr wissen will, kann nach dem Titel googeln: "All Around Bandung". Wird mittlerweile als Klassiker betrachtet und antiquarisch gehandelt.

Liebe Grüße!
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Alt 11.08.2017, 03:20   #8
OutofSaigon
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Standard AW: Vor langer Zeit in Borneo. Bilder einer Ausstellung, die es nicht mehr gibt

„Bild 4“ : Die Menschen und ihre Kultur


Ich erzählte euch zuletzt von dem toten Hans A., und nun laßt mich ein wenig von den Lebenden erzählen! Es gab bzw. gibt in Ost-Borneo verschiedene Volksgruppen, aber nicht alle sehen so aus wie dieser freundliche Herr von der Volksgruppe der Dayak:


Die Dayak kann man vielleicht als „Ureinwohner“ Borneos bezeichnen, obwohl auch sie erst vor etwa tausend Jahren dort eingewandert sind und fast mit Sicherheit andere, ältere Völker verdrängt haben. Mittlerweile gibt es außerdem andere Volksgruppen (die Kutai und die Banjar), die schon mehrere Jahrhunderte in den küstennahen Region Borneos gelebt hatten und sowohl von der Physiognomie als auch der Kultur her den Malaien ähneln. Noch jüngere Einwanderungsströme kamen aus Sulawesi (die Bugis), aus Madura und aus Java (Maduresen und Javaner). Die meisten Gruppen außer den Dayaks haben eine mehr oder weniger stark islamisch geprägte Kultur und Lebensweise.

Hier seht ihr ein paar Dorfbewohner (einer davon offensichtlich ein Spaßvogel), dazu meine Wenigkeit:


Ich bin nicht mehr sicher, wann und wo ich diese Frau in ihrem Haus fotografiert habe; sie arbeitet an Körben im typischen Ost-Borneo-Design, aber sie sieht nicht aus wie eine Dayak-Frau:

Links im Bild eine Baby-Schaukel.

Diese junge Frau arbeitete an einem Webstuhl von einer Art, die inzwischen wahrscheinlich nicht mehr in Betrieb ist (verdrängt von chinesischer Billigproduktion):



Interessant fand ich, daß oft ganze Dorfgemeinschaften ganz oder vorherrschend von einer bestimmten Volksgruppe bewohnt sind, ähnlich wie wir es aus den Balkan-Regionen kennen. Das Nachbardorf kann sozio-kulturell schon wieder anders sein. Dies drückt sich aus in der indonesischen Redeweise „Lain kampung, lain adat“, was bedeutet „andere Dörfer, andere Kulturen“. In ihrer ganzen Lebensweise aber ähneln alle Volksgruppen außer den Dayak ziemlich stark dem indonesischen „Mainstream“, sofern man einen solchen überhaupt definieren will. In den bildenden Künsten haben sie sich nicht besonders hervor getan – ihr habt ja die Moscheen in „Bild 2“ gesehen: nichts Aufregendes, würde ich sagen. Am interessantesten sind vielleicht noch hölzerne Grabmale mit arabischen Inschriften, wie hier zu sehen (fotografiert im Museum der Bezirkshauptstadt Tenggarong):




Bevor der Islam vor einigen Jahrhunderten nach Ost-Borneo kam, gab es dort – wie in weiten anderen Teilen Indonesiens – eine hinduistische Kultur. Archäologen haben einige Statuen des Bullen Nandi gefunden; das ist das Reittier des Gottes Shiva in der hinduistischen Mythologie. Die herausragende real existierende hinduistische Herrscherfigur war König Mulawarman, ein Zeitgenosse der Herrscher, unter denen die Tempelanlagen von Angkor Wat in Kambodscha erbaut wurden. Nach ihm ist die Universität der Provinzhauptstadt Samarinda benannt.

Faszinierend fand ich, daß es in Ost-Borneo eine Dorfgemeinschaft gab, die bis in die Achtzigerjahre noch eine Kultur pflegte, welche sogar noch älter ist als die hinduistische aber doch wieder anders als die Kultur der Dayaks. „Kedang Ipil“ hieß das Dorf, wenn ich mich nicht irre. Nur ein einziges Mal war ich dort. Es war gerade Reisernte, und junge Frauen schnitten die Reisähren einzeln mit kleinen Messerchen ab. Technisch gesehen ist das natürlich furchtbar ineffizient, aber man muß das spirituell sehen: diese Ernteweise verletzt die Seele der Reisgöttin Dewi Seri am wenigsten, und so wird die Reisgöttin hoffentlich auch im kommenden Jahr wieder eine fruchtbare Ernte bescheren.





Es ist Bergreis, also eine Reissorte, die auf Trockenfeldern wächst und keine Bewässerung benötigt. Allerdings liefern solche Felder nur eine einzige (und ziemlich magere) Ernte im Jahr, nicht zwei oder sogar drei wie in der intensiven Reiswirtschaft. Was dem Bergreis an Quantität fehlt, macht er aber durch Qualität wieder wett. Der Geschmack von Bergreis ist unvergleichlich besser. – Übrigens sind die traditionellen Hüte dieser Volksgruppe viel flacher als die der Javaner oder Balinesen (oder Vietnamesen).


Für uns Europäer aber sind natürlich die Dayaks die am exotischsten anmutende Volksgruppe. Einige Fotos habt ich euch schon in „Bild 3“ aus der Ulu-Mahakam-Region gezeigt. Hier nun haben sich ein paar Dayak-Buben zum Gruppenfoto aufgebaut:

Hinter ihnen liegen, zu transportfähigen Bündeln verschnürt, Holzschindeln aus Eisenholz. Die waren in den Achtzigerjahren (noch) sehr populär, da preiswert, haltbar und viel weniger heiß als Wellblech. Mittlerweile ist Eisenholz aber wahrscheinlich rar und teuer geworden, und das Wellblech ist auf dem Vormarsch.

In irgendeinem Dayakdorf fand ich diese altmodische Schmiede:

Diese Schmiede ist inzwischen höchstwahrscheinlich nicht mehr in Betrieb. Mit stark verbesserten Transportwegen graben industriell gefertigte Produkte solch kleinen Schmieden unvermeidlicherweise das Wasser ab.


Die folgenden drei Fotos habe ich gemacht am indonesischen Nationalfeiertag in 1982 in der Bezirkshauptstadt Tenggarong. Dafür hatten die Dayaks sich herausgeputzt. Besonders stechen dabei die Adlerfedern ins Auge, aber auch die Bärenzähne (auf dem zweiten Bild) verdienen Beachtung:








Traditionellerweise sind die Dayaks selbstgenügsame Bauern, und es stehen nicht allzu viele Resourcen für „Bildende Kunst“ zur Verfügung. Manche Häuser sind mit kleineren Schnitzereien dekoriert, und manche Gebrauchsgegenstände werden im bescheidenem Maße irgendwie verziert. Bemerkenswert sind allerdings die Kunstwerke vor einigen Langhäusern; „Totempfähle“ würde man wohl in Nordamerika dazu sagen (diesen Ausdruck hätte man jedenfalls in Jugendbüchern vor einem halben Jahrhundert gelesen). Hier sehr ihr drei Exemplare von solchen Kunstwerken:






In dem schon genannten Museum fand ich außerdem eine ganze Reihe von Figuren, die offensichtlich Menschen darstellen. Leider ist es mir nicht gelungen, heraus zu finden, wen genau diese Figuren darstellen und was der genaue Hintergrund und Zweck dieser Darstellungen ist. Ohnehin sollte ich statt „ist“ wohl besser „war“ schreiben; denn unverständlicherweise wurden diese Figuren ganz einfach unter offenem Himmel ausgestellt und sind in der mittlerweile vergangenen Zeit wahrscheinlich verrottet, verfault und unwiederbringlich verloren. Interessant fand ich, daß eine der Figuren mit Wildschwein-Hauern dargestellt ist, was immer das zu bedeuten hat. Das Museums-Personal war leider völlig unbedarft und konnte mir keine Erläuterung liefern. Besonders fasziniert hat mich immer die Figur, die auf dem letzten Foto dargestellt ist. Ich erinnere mich, daß sie irgendwie ungünstig im Garten postiert war und ich einen einigermaßen ruhigen Bildhintergrund nur dadurch generieren konnte, daß ich sie abends mit Blitzlicht fotografierte.








Ein ganz besonders spannendes Erlebnis hatte ich im Frühjahr 1985. Es hatte lange nicht geregnet, und die Felder drohten zu verdorren. Wir befanden uns gerade in einem kleinen Dorf names Perigiq im Gebiet der Benuaq-Dayak, als wir hörten, es sollte heute abend eine Beschwörung der Geister stattfinden. Der Schamane wollte in einem Zeremoniell die Geister anflehen, wieder Regen zu schicken. – Hier seht ihr die für das Zeremoniell hergerichtete „Bühne“:



Ihr seht eine Trommel und einen Gong auf dem Boden, aufgehängte Reisähren, eine junge Bananenstaude, allerlei Gebrauchsgegenstände sowie die rot-weiße indonesische Nationalflagge. Daß das Teegeschirr auch in rot-weißer Farbe war, mag aber Zufall gewesen sein. Das Zeremoniell selbst durfte ich nicht fotografieren; denn das hätte seine Wirkung zunichte gemacht. Es wäre sowieso ohne Blitzlicht nicht möglich gewesen, aber einen Blitz hatte ich gerade nicht dabei (obiges Foto war eine Langzeitbelichtung; die „Bühne“ war erleuchtet von einer Petroleumlampe des Typs „Petromax“; und ihr findet im Internet, was das für ein Lampentyp ist). – Die Geisterbeschwörung selbst bestand aus einem von Gesang begleiteten Tanz des Schamanen, unterbrochen von allerlei Beschwörungsformeln in einer Sprache, die jedenfalls nicht das moderne Standard-Indonesisch war (das hätte ich ja verstanden). Auf jeden Fall war klar, daß das ganze Zeremoniell als „Animismus pur“ angesehen werden konnte. Daß die Benuaq-Dayak mehrheitlich am Sonntag in die Kirche gehen, ist dabei ziemlich unerheblich.


Da dieses schöne Forum aber nicht Kultur-Anthropologie zum Hauptthema hat, will ich es mit diesen paar Fotos und Erläuterungen genug sein lassen. Ich hoffe, ihr fandet es ein wenig interessant.
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Mario (11.08.2017)
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